Die ersten Tage in Kathmandu

Also, Kathmandu ist 4,5 Stunden später als Düsseldorf, ich hab in meinem Ipod eine Weltuhr. Hier ist es  20 Uhr und bei euch 15.30 Uhr.
Aber es ist egal wann Ihr mir schreibt, hier wird die Zeit nach dem Strom diktiert und der wird bis Mai immer weniger. Man sagt das es im April nur 3 Std. Strom gibt am Tag.

Zur Zeit bin ich noch im Hotel Vajra, da gibt es einen Generator und das verlängert die Zeit. Ohne Strom auch kein Internet. Wenn ich in 3 Tagen in der Wohnung nebenan bin, die ich gestern gestrichen und heute geschrubbt habe wird es knapper mit Strom.

Mal gucken wie das geht, jeden Abend das Essen mit der Taschenlampe kochen ist mühsam. Wahrscheinlich am besten ist es tagsüber zu kochen auf Vorrat.
Es gibt auch einen Kühlschrank aber da das Haus keinen Generator hat weiß ich noch nicht ob der rund läuft.
Ich gönne es mir am Anfang ein wenig komfortabel (für meinen bescheidenen Maßstab), hier im Hotel kenne ich alle und sitze morgens um 5.30 mit dem Restaurantstuff an der Bar und schlürfe den frischgebrühten Kaffee das wir gerade hier modern. Nepal baut Kaffee an und der ist sehr gut.
Mir fehlen meine Freunde und Kontakte, deshalb halte ich mich hier am gewohnten Hotel

fest, das tut gut.
Das Leben wird hier von sehr rudimentären Bedingungen strukturiert, irgendwie mag ich das, auch wenn es alles umständlicher macht.
Die ganze Situation in Kathmandu wie z.B. der Strommangel, oder die fast ins Unerträgliche wachsenden Müllberge an den Ufern des Bagmati River, die ständig kokeln, oder der tagsüber fast nur noch stehende Verkehr führen keineswegs dazu das sich etwas ändert. Dieses Land ist so langsam.
Es könnte so viel Strom geben bei den Wassermengen die der Himalaya ausschüttet, das würde für Indien und China mit ausreichen, aber keiner tut was.
Die Nepalis fürchten von Ausländischen Investoren abgezockt zu werden und blocken jede Bemühung, die eh nur sehr spärlich sind,
da keiner in ein Land investiert das keine Regierung hat, keine stabilen Gesetze und keinen Staatshaushalt.
Einige indische Investoren und reiche Nepalis bauen nun sehr moderne Häuser "western Style" mit Swimmingpool und so und das in einer Stadt die akuten Wassermangel hat, wo das Trinkwasser mit Tanklastern angefahren wird. Erdbebensicher sind diese Häuser keineswegs und auch nicht aus angemessenen Baumaterialien, die Presse regt sich auf.
Jedoch hat die provisorische Regierung einen Hilfsfond für Japan eingerichtet, aus welchen Töpfen ist schleierhaft.
Aus den mails meiner Freunde und Sangha in Deutschland entnehme ich die große Betroffenheit und Angst um Japan und den möglicherweise bevorstehenden Atom Supergau. Hier ist von Betroffenheit und Anteilnahme vergleichsweise wenig zu spüren, jeder wuselt in seinem Geschäft. Vielleicht weil hier große Katastrophen viel normaler sind, oder einfach mangelndes globales Bewußtsein, Umweltbewußtsein, mangelnde Verantwortung für diesen Planeten auf jeden Fall.
Das Zeug mit dem ich heute mein neues Bad desinfiziert habe kommt aus Indien, war tiefblau und mit Sicherheit so giftig das das in Deutschland verboten wäre. Ich hab die ganze Pulle verbraten.
Wir sind in Deutschland auf einem so hohen Niveau an Bewußtheit, Verantwortlichkeit und Reflexion, wir wissen das gar nicht zu schätzen und scheinen auch irgendwie am Ende dieser Leiter angelangt.
Kaum ein Nepali hat je sein Land verlassen, die Mentalität ist recht einfach, fast pubertär. Es gibt keine Kultur des lesens, befremdet schauen Sie auf meinen wachsenden Bücherstapel. Nur für die junge Generation ist lesen und englisch normal, der Unterschied ist riesig zu den Menschen meines Alters erst recht bei den Frauen. Dennoch sind sie so liebenswürdig, viel weicher, stiller und feiner als die penetranten Inder.
Es wird wohl noch Generationen brauchen bis Nepal auf dem Stand von Deutschland ist und im Moment interessiert sie hauptsächlich der Wohlstand, in China und Indien dürfte das nicht anders sein - ob das der richtige Weg ist der die Menschen zu ihrer wahren Natur führt?

Ich bin mit eingewöhnen beschäftigt, so viele alltägliche Gewohnheiten die sich hier ändern, das stellt die Frage "Wer bin ich" auf eine ganz andere Weise.
Ich fühle mich irritiert, einsam und zerbrechlich und ich finde das nicht schlimm. Auch bin ich noch orientierungslos bezüglich dem was ich hier will oder soll,
aber auch das macht nichts. Wie gut das ich mich schon seit Jahren an die Wirklichkeit der substantiellen Unsicherheit und Bodenlosigkeit allen Seins gewöhnt habe, das trägt jetzt. Immerhin, der Rahmen steht ja: Ich habe einen Job, der mir einen anderen Rhythmus auferlegt, dort waren es die täglichen Kurse, hier die Reiseleitungen mit viel freier Zeit dazwischen.
Auch die Frage "Was brauche ich eigentlich" bringt täglich neue abgespeckte Antworten. Dachte ich vor einem halben Jahr noch eine Badewanne zu brauchen, bin ich nun froh überhaupt eine Dusche mit gelegentlich warmen Wasser zu haben und zwei Schüsseln für die Handwäsche. Auch brauche ich einen sauberen Teppich und Boden für die Yoga und Meditationpraxis. Leider specke ich auch meine ästhetischen Ansprüche ab, ich finde den hier üblichen Gelsenkirchener Barock immer noch häßlich, bin aber froh überhaupt einen Schrank zu haben.  
Ich bin froh wenn ich morgens nach dem Kaffee ( dann ich die Luft noch recht sauber ) drei mal zur Stupa rauf und runter laufen kann, und ich habe meinen Ausdauersport.
Das nächste Projekt ist die Sprache lernen, das nimmt mir das Gefühl der Enge und Unbeweglichkeit. Hier sprechen fast alle englisch, aber wenn ich wo anders hinziehe weil ich ein Häuschen suche wo ich dann keinen kenne, dann brauche ich Nepali und etwas Tibetisch, auch das einkaufen und viele Kleinigkeiten wären leichter.  
Ich bin so dankbar das der Rechner funktioniert und das Internet, es tut so gut zu schreiben.
Auch bin ich dankbar für die ganze innere Arbeit der letten Jahre, die tiefe Akupunkturbehandlung,auch die ganzen Familienstellungen, inneres Kind und so, ich fühle mich frei von Altlasten. Egal wer ich bin, ich treibe weiter in den Fluten des bedingten Entstehens, manchmal im Gewahrsein der Verbundenheit was (angesichts Japans) nicht immer nett ist.

Es ist Nacht, die Hunde bellen.

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