Die Innere Kora

Wer 13 mal auf der äusseren Kora den Kailash umrundet hat kann die Innere Kora machen, so gilt es weit verbreitet als Grundregel. Wer genauer recherchiert wird herausfinden das diese Regel nirgendwo im tibetischen schriftlich oder mündlich überliefert ist, nur die "Inchis", die Fremden glauben und halten sich daran.
Der Touristenstrom aus Russland und den neuen Ländern wie Ukraine, Estland, Lettland… nimmt ständig zu, die Leute sind stark, gut trainiert und buchen oft die Innere Kora direkt mit. Aber was heisst schon buchen?
Zuerst gehen wir (Pratab, mein nepalischer Freund) und Ich zur Polizeistation in Drachen. Dort versichere ich handschriftlich unter Zeugenschaft von 5 großen Kettenrauchenden chinesischen Polizisten, das ich wir die Innere Kora auf eigene Verantwortung machen und sowohl die chinesische Polizei und Regierung sowie die tibetischen Behörden, die Agentur und den Guide von allen Verantwortungen dieser Aktion frei sprechen. Damit haben wir das "Permit".

Bevor wir mit der Gruppe die äussere Kora begangen haben sind wir einen Tag zur Akklimatisation in den Vorbergen des Kailash gewandert und haben die Gyandrak und Serlung Gompa besucht. Von der Serlung Gompa als dem "Eingang" zur inneren Kora sind es ca. 8 km bis zur Südwand.
Die Serlung Gompa besteht aus 2 kleinen Häusern die eng aneinander geschmiegt stehen und so einsam im dem langgezogenen weiten Tal dem Wetter trotzen.
Der Lakhang ist privat, einfach, provisorisch.  Die Hauptstatue ist Guru Rimpoches hat tiefe Zornesfalten, daneben Milarepa mit Marpa und Tilopa, ergreifend schlicht.
Ein Mönch lebt dort, jung, sanft und klar, die Hände im Schoss adrett auf der dreckigen Robe gefaltet, Knie und Beine geschlossen, aufrecht sitzend, fein.
Wir fragten ob wir 1 bis 2 Nächte übernachten dürften? Ja das geht.

Nach der äusseren Kora ist die Gruppe weitergegangen zur Erholung und Wanderung an den Manasarowar See. Barat der nepalische Sirdar, mein Fels in der Brandung hat die Gruppe geführt, eine super Gruppe, 5 Männer und 5 Frauen mit denen wir alle sehr viel Freude hatten, eigentlich nur Freude.

Pratab und ich sind am nächsten Tag von Darchen nach Serlung aufgebrochen,
zur Zeit dürfen dort keine Autos fahren, da neulich ein Jeep mit 4 Indern auf der Strecke verunglückt ist- alle tot. Eigentlich lassen die Chinesen relativ viel Freiheit in den Details, erst wenn etwas passiert greifen Sie mit Regeln und Verboten ein. Daher bitte ich alle Hundefreunde darum zu beten das die wilden Hunde deren Zahl in und um Darchen und Darboche herum immer grösser wird, ich schätze den Rudelbestand auf ca. 600 Tiere niemals einem lebenden Menschen etwas antuen!! Es sind so wunderbare Hunde.
Von den Kailash Hunden glaubt man das Sie im nächsten Leben erstmals in einer menschlichen Inkarnation wiederkommen, daher werden SIe gerne gelitten und leben wild mit den Menschen. Kann sein das die Chinesen das anders sehen. Man sagt das Hundefleisch einen sehr starken Eigengeschmack hat und lange gekocht werden muss bevor es geniessbar ist.
Auch die Inder werden am Kailash immer mehr, ein etwas lächerliches Bild, Sie passen einfach nicht in diese extreme Höhe und wirken schlapp und schwabbelig, angegriffen und bedürftig. Schlurfen durch Darchen, so wie Sie aus Mumbai‘s, Delhi‘s, Chennai‘s oder Madra‘s Hitze kommen. Sie werden mit Ihren Schlappen, Lungis oder Sahris in Daunen Tüten gesteckt, gekommen von der Agentur noch eine Wollmütze bei der nur die Augen frei bleiben und werden mit Ihrer Atemnot und den Sauerstoff Flaschen auf die kleinen robusten Pferde geschnallt, mit lachenden tibetischen Pferdeführern, die sich gerne mit den Indern unterhalten.
Auf unserem Fussweg zur Serlung Gompa, ein kleiner Aufstieg von ca. 2,5 Stunden hat uns ein Gewitter so eingekesselt das die Blitze neben uns und vor uns einschlugen. Ich hatte meine Wanderstöcke eingepackt aus Furcht und vor dem strömenden Regen sind wir in ein chinesischen Bauarbeiter Zelt geflüchtet. Heureka was für ein Leben die führen! In der Saison die von April bis Oktober geht mit 10 Personen in dem Armeezelt, ein auf Brettern gebocktes Matratzenlager, Töpfe, Kessel, Thermoskannen, Baumaterial, heisses Wasser. Unermüdlich kreisen Zigaretten Schachteln. In der Kleidung ist Gummihose und Stiefel aus einem Stück, darüber die üblichen Militär Jacken. Mit lauten harten Worten bellt Mandarin durch das Zelt. Gut das ich nicht alleine war, ob in Darchen wohl die Prostitutions Szene wächst, so wie in Zhangmu?

In einer trockenen Minute weiter zur Serlung Gompa, unserem Nachtlager und dem Ausgangepunkt der Inneren Kora.
Der Mönch freute sich offensichtlich und still als wir kamen. Wir saßen nun zu dritt aufrecht, konzentriert und adrett und schwiegen uns an, da keiner die Sprache des anderen spricht. Meine Geschenke sind Basics: getrocknete Aprikosen, Nudelsuppe in der Tüte, eine Wollmütze, Tsampa.
In dem kleinen Zimmer stehen 4 tibetische Betten an der Wand die immer sowohl als Sofa und Sitz als auch als Bett genutzt werden, mit Wollteppichen bedeckt. Mit Einbruch der Dämmerung entzündet er den Ofen mit Yakdung und kocht Wasser für den nächsten Tag.
Noch eine Nudelsuppe und ab 19.30 ist das Licht aus.  Eine Maus beginnt Ihre nächtlichen Spaziergänge an der Wand entlang.
 
In den Bergen bricht man früh auf da dann das Wetter stabiler ist, der Weg zur Inneren Kora ist lang, wir starten um 3 Uhr morgens. Es hat geschneit und der Vollmond leuchtet im Sternenklaren Himmel den Weg. Vor uns die von frischem Schnee bedeckte Südwand des Kailash, romantisch, unwirklich im Mondlicht und erhaben. Drei Stunden leichter Anstieg durch wilde schneebedeckte Geröllfelder bis wir in den eigentlichen Eingang zur Südwand kommen. Der Morgen graut.
Den Kailash selbst kann man nicht umrunden, einige senkrechte Graten gehen von Ihm ab, also ist die Innere Kora die Umrundung des vor dem Kailash gelegenen Nandi. Nandi ist Shivas Begleiter, sein Stier. Sieht man in einen Shivaitischen Tempel, so schaut man meist zuerst auf Nandis kapitalen Arsch mit zwei runden Eiern.

Es gibt keinen Weg durch die Geröllfelder, der Pfad führt entlang der Steintürmchen die von Pilgern aufgetürmt werden. Wir ahnen einen Weg und wenn nicht gehen wir einfach auf den Berg zu.
Nach ca. 8 km biegen wir links vor dem Nandi ein und gehen direkt auf die Südwand zu, die Nähe des Kailash ist gewaltig, erhaben und machtvoll, ich bin überglücklich, die Endorphine treiben mich einfach weiter, der erste Sonnenstrahl fällt auf die kleine, stets verschneite Ostwand.
Je näher wir kommen um so mehr sieht man das die Südwand in einen tiefen Trichter herabsinkt und das der Kailash so wie man Ihn immer auf Fotos mit ca. einem Drittel nach unten fortsetzt. Der ganze Berg ist eine Trichterförmige Komposition von Konvex und Konkav im Wechsel und die von Ferne glatte Wand ist von nahem aus mehreren Ebenen die in verschiedene Richtungen schräg stehen. Unter der berühmten Schneise fängt ein Schneeberg die herabstürzenden Lawinen auf und Felsschneisen rechts und links davon führen den Schnee tiefer in die Erde.

An der rechten Seite der Wand sehen wir die Gebetsfahnen und die 13 Stupas die vor mehreren Jahren restauriert worden sind. Dort geht man an die Wand um dann an der Wand entlang über die sanfte Kuppe zu gehen mit der der Nandi den Kailash verbindet.
Um dahin zu gelangen müssen wir durch ein Schneefeld das steil nach unten in den Trichter fällt. Der Schnee geht zum Teil bis zum Oberschenkel und die anstrengendste Arbeit ist es dadurch zu kommen indem man mit jedem Schritt wie eine Treppenstufe festtritt. Nach ca. 150 m Schneefeld trennt uns nur noch ein kleines Stück von der Wand, ein fast senkrechtes Felsfries das ganz vereist ist. Wir haben weder Steigeisen noch Eishacks dabei und selbst wenn so könnte ich damit nicht umgehen. Ich versuche an dem Fels einen Griff zu bekommen aber alles aus Eis und zu steil weiß ich nicht wie ich da hochkommen soll, ich kann nicht klettern, erst recht nicht nach dem Anmarsch und auf 6000 m Höhe.
Wir beschliessen zurück zu gehen durch das Schneefeld und zu warten bis die Sonne das Eis schmilzt. Trinken ein wenig heisses Wasser vom Lama und frühstücken getrocknete Aprikosen. Die Sonne kommt, es wird gleissend hell im Schnee. Nach 2 Stunden der nächste Anlauf, vielleicht geht es nun. Wieder stehe ich in diesem steilen Schneefeld an dem Felsabsatz und als mein Fuß einen Halt an einem Vorsprung sucht bringt die Sonne den Schnee an der Südwand zum schmelzen und die erste Lawine kracht 5 m neben mir mit Getöse in den Schnee.
Das wars. Wir bringen uns in Sicherheit und suchen einen Stein auf dem wir uns ausruhen und das fluminante Spektakel beobachten können das nun folgt.
Durch die starke Mittagssonne schmilzt der ganze Neuschnee und wie ein Feuerwerk kracht das Eis in die Tiefe. Es ist ein gewaltiges und dramatisches Eigenleben das der Berg führt. Und das grosse Feuerwerk der Düsseldorfer Kirmes ist nichts dagegen.
Nun denn, nur wenige Meter haben uns von der Wand getrennt und von der Vollendung der Runde. In diesem Sinne habe ich die Innere Kora nicht gemacht und dennoch fühlt es sich so an als hätten wir Sie vollendet, den tiefer an und in den Berg kann man nicht kommen als wir es waren. Einen ganzen Tag unter der Südwand zu verbringen ist das grandioseste was ich je gemacht habe. Ich bin glücklich, froh und dankbar dort gewesen zu sein.
Der Heimweg war endlos lang, wieder in der Serlung Gompa angekommen hat uns der Mönch mit schwarzem Salztee gestärkt für die restlichen Kilometer. Er drehte sich weg als wir gingen, ich glaube wir haben alle drei geweint. Abends um 19 Uhr waren wir wieder in Darchen, zu erschöpft um etwas zu essen. Erst am nächsten Tag merkte ich den Sonnenbrand auf meinen Lippen der nur langsam heilt.
Diese Nähe des Berges hat sich tief in meine Erinnerung und Zelllwände gebrannt.
Großen Dank an Pratab, meinen treuen Begleiter.

 


 

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